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Apokryphe Schriften Nibels: Der gute Schäfer
Auf der schweren Sicherheitstür zu Raum 22,8 klebte ein Zettel. Bei dem Versuch, den Text zu entziffern, stieß seine Nase gegen das Blatt, doch die Buchstaben tanzten zwischen den Funken in seinen Augen. Er hatte grade mit großer Mühe „Begrüßungsgespräch des Patienten Sat…“ gelesen, als die Tür zurück in den Raum floh und sich eine ruhige, schwarze Pupille in einem schmutzigen grauem Kreis durch sein Bewusstsein fraß. Ein ebenfalls grauer Mann kroch aus einem schwarzen Anzug, irgendetwas rotes, strickartiges hing um seinen Hals. „Es müsste grau sein…“ murmelte Satyrev Rhey vor sich hin und tropfte auf den Boden. Die Gestalt nannte sich Kaspar Niebel, und erklärte, sich schon sehr darauf gefreut zu haben, seine Bekanntschaft zu machen. Er konnte den Sinn der Worte nicht nachvollziehen, während er sanft in den Raum geschoben wurde und irgendetwas mit der Tür passierte, was ein dumpfes Geräusch in sich trug. Die Konturen des Raumes waren wieder fester. Nur Niebel schien, seinen Namen unterwürfig, wie ein unbeständiger Nebel durch seinen Anzug zu treiben. Manchmal erkannte er kurzes, strohiges, graues Haar. Dann eine knöcherne Hand, die aus dem Hals zu wachsen schien. Der Raum war fast vollkommen leer. In der Mitte stand nur ein schwerer, kleiner Steintisch, der mit einem Schachfeld gemustert war, und zwei schwarze Hocker, an zwei Enden des Tisches ruhend. Er wurde auf den Hocker gedrückt, aber schaffte es nicht sich zu setzen, da irgendetwas falsch zu sein schien. Er bemühte sich, doch brachte es nicht fertig, wirklich auf dem Gerät zu sitzen. Kaspar Niebel lachte trocken, enthielt sich aber jeglichen Kommentars. Satyrev arrangierte sich mit dem Hocker, in dem er ihn nur als Rückenlehne benutzte und vor ihm in der Hocke kauerte.
Sein Blick glitt über das Brett. Die Figuren litten an einer abstrahierten Reduktion. Er versuchte durch die Stilisierung hindurch zu blicken und die Bedeutung der groben Steinklötze zu erkennen. Dabei tropfte Satyrev auf Grund der Anstrengung erneut auf den Boden. Sein Blick schreckte kurz hoch, weil er das tropfende Geräusche für furchtbar laut hielt. Doch Niebel blickte konzentriert auf seinen roten Strick, den er penibel zurecht zupfte. Nach einer Weile verstand er das Prinzip der Steine. Er konnte sich nicht entscheiden, ob die Bauern außergewöhnlich klein, oder die restlichen Figuren unfassbar groß waren. Nur die Königin schien schmaler und niedriger zu sein, und an die Winzigkeit der Bauern fast heran zu kommen.
„Spielen Sie Schach? Soll ich es Ihnen vorher erklären? Ich spiele immer mit den Patienten, die ich persönlich begrüße. Das ist eine alte Tradition.“ Kaspar Niebel observierte ihn jetzt skeptisch bei seinen Bemühungen. „Nein. Ja. Nicht wirklich. Als Kind. Aber ich beherrsche die Regeln noch. Danke.“ – „Gut. Dann fangen Sie an. Sie haben weiß“ Ein Lächeln. „Warum?“ Es verschwand. „Sie sind der Gast. Das ist so üblich.“ Erschien wieder. „Es ist grau.“ Löste sich endgültig auf. „Was?“ Dann Nichts. „Die Figuren“
Satyrev berührte mit seinem Zeigefinger plump einen der Bauern. Er war kalt und rau. Er müsse schwer sein, dachte er und täuschte sich. Der Bauer stand nun auf e4. Niebel dachte nicht lange nach und zog einen seiner eigenen Bauern auf e5, so dass die beiden gesichtlosen Figuren einander anzustarren schienen. Er hing kurz dem Gedanken nach, ob es sich um irgendeine klassische Eröffnungsvariante aus der Schachliteratur handeln könnte, oder einfach nur ein reaktionärer Zug war. Er selber hatte nur die Fähigkeit aktionsbedingte Zugfolgen zu erstellen und keine weitreichende Strategien zu entwickeln. Das begründete sich nicht ein mal in den Psychopharmaka, die immer noch in seinem Körper wüteten. Sie verlangsamten seinen Geist zwar, aber er hatte einfach grundsätzlich noch nie wirklich ein Talent für dieses Spiel besessen, und nur wenige male als Kind eines gewonnen, was entweder einem Geistesblitz oder der enormen Unachtsamkeit seines Gegners zu verdanken war.
„Sie sind so etwas wie ein guter Schäfer. Oder?“ Ein Blitzen erschien in Niebels Auge. „Guter Mann. Sie meinen wohl „guter Hirte“. Das biblische Gleichnis. Und Nein. Das wäre wohl vermessen und frevlerisch. Obwohl es durchaus Ähnlichkeiten gibt. In der Funktion, meine ich.“ Kaspar Niebel spiegelte sich in seinen eigenen Augen. „Nein. Ich meinte Schäfer.“
Satyrevs Finger glitten über seine restlichen Bauern, bedacht darauf keinen zu berühren.
Bei der Lücke, die auf e2 entstanden ist, stolperte er jedes mal über einen ungreifbaren Gedanken und kniff die Augen fest zusammen. Niebels Strick schien mittlerweile zu glühen. Er überlegte, ihn darauf anzusprechen, entschied sich aber dafür, dass es vermutlich ein zu intimes Thema sei. Dann griff er in die hintere Reihe seiner Figuren, in die einzige Tiefe, die für ihn spürbar da war, und zog eine Figur hervor, die er ohne weiteres nachsinnen auf h5 absetzte. Niebel blickte überrascht auf die winzige, graue Königin. Dann lachte er. „Sie müssen ihre Aggressionen im Zaum halten. Das könnte ein Problem werden.“ – „Reden Sie über Schach oder über mich?“ Ein vortragsschwangeres Räuspern entstand. „Sie müssen wissen, dass die Art und Weise, wie jemand Schach spielt, eine Spiegelung seiner Seele darstellt.“ „Grundsätzlich?“ Niebel nickte mildtätig“ „Grundsätzlich“ – “Hm“. Er starrte nachdenklich die sich gegenüber stehenden Bauern an.
Niebel blickte noch eine Weile amüsiert auf die winzige Königin, die sich an den Rand des Brettes zu kauern schien.Dann griff er einen seiner Springer und zog ihn auf c6. Satyrev fühlte sich unwohl. Ein Springer, war für ihn immer etwas bedrohliches. Die Art, wie ein Springer gezogen wurde, schien ihm nicht in das Grundprinzip des Spiels zu passen und überforderte ihn. Es überstieg oftmals seine Fähigkeit zur Übersicht. Ähnliche Wirkungen entfaltete ein frei stehender Läufer für ihn. Er wunderte sich, als er ihn in seiner Hand fand. Er glich einem Priester. Ein angedeuteter Kragen, Ein nie gewordenes Kreuz als Plus. Vielleicht Additionen anbetend. Er legte ihn auf c4 ab. Niebel wirkte jetzt konzentriert. Jedoch versank sein Blick nur in seine eigene Aufstellung und schien Satyrevs letzten Zug nur am Rande wahrzunehmen. Er zog seinen zweiten Springer auf f6. Ein stilisiertes Pferd, das durch den Schwung eines fragezeichen-artigen Aufbäumens höchstens angedeutet war. „Ich denke, sie mochte Pferde. Sie sagte es nicht, aber sie sah jenen Mädchen ähnlich, die man auf Pferdehöfen vermuten würde. Rothaarig, Sommersproßig…“ Niebel stolperte aus seinen Gedanken“ „Wer?“ – „Ein kleines Mädchen, das ich einst kannte“ Niebels buschige, graue Augenbraue zuckte leicht. „Jenes, aus ihrem Traum, der sie hierher gebracht hat? Sie kannten sie nicht, es sind Träume, Herr Rhey. Besorgniserregende Träume, aber nichts weiter. Träume“ Satyrev blickte kurz auf das Brett und starrte die Königin an. „Sie hatte eine Scharte. Über ihrem Auge.“ Nibels Gesicht löste sich auf. Er lockerte den roten Strick. Der Henkersknoten war jetzt klar zu erkennen. Wenige Sekunden vorher hielt er ihn kurz für eine Variante des Windsors, doch jetzt war er sich wirklich sicher, dass es ein Strick war.
Ohne den Blick von Niebels Strick lösen zu können, zog er die Königin auf f7 und nahm den geschlagenen Bauern zur Seite. „Sie sind ein guter Schäfer. Sie werden es begreifen.”
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krllllll
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Epitaph des Abhandengekommenheit
Vielleicht am Rande eines grauen Meeres
Im Nebeltal vor himmelstrüben Bergen
Im Asphalt einer Stadt, die kalt und leer ist
In einer Prozession aus tausend Särgen
Vielleicht als Schatten, leer und ohne Worte
Im Fleisch entblößt, im Geist als blauer Funken
Entschlafen schon, durch tausend kleine Morde
In keinem Wort und keinem Herz gefunden
Vielleicht verlorn, in Mänteln oder Straßen,
was endlos ist und allemal zu spät
Vielleicht in einem Freund, den Würmer fraßen
Vielleicht in meinem Kindernachtgebet
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-raffer
und erst
das betrachten der blume in einem feld,
die in den himmel zu wachsen scheint,
das in den himmel zu wachsen scheint
das nie gespürte, gesungene wort
blume, wie ein windhauch nur zuviel
böh in den fängen des anfangs
und dann
das betrachten der blumen
im bauch, auf den wiesen
als ketten im haar, das sonnenspross
krönende, faltende
schlägt falten in den augen
und dann
das betrachten der blüte
zum stiel und zum narben verstehen
der regen fällt auch in klein
wie verschworne gedanken
von spiegeln aus nass
und dann
das betrachten der blumen
gekränkt weil vezirkelt, verzettelt
als kranz dem vergessen
nicht fleisch wiegt nur-
luft auf den gräbern
wie müssen, dann schnee
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Kaleidoskop
Er ist ein böser Mensch, das hat man ihm verraten,
und richtig wärs, wenn Böses ihm geschieht;
so spricht der Mensch, der, reich an bösen Taten,
vor welken Schmerzen keine Weiten sieht.
Er ist ein guter Mensch, das hört man ihn oft klagen,
und richtig wärs, wenn Gutes ihm geschieht;
so spricht der Mensch, der, reich an bösen Taten,
vor weiten Schmerzen sich nicht welken sieht
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Blaupause des Sterbens
Das Schema Einsamkeit
Die Blaupause des Sterbens
Ihr Zeichner unberührt
Den Sinn nicht ganz getroffen
Der Pinsel ausgerutscht
Das Wasserglas in Scherben
Das bunte Wasser blüht
und rücklings liegt das Hoffen
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Intimes Stillleben V: Dämmerung
Der Vorhang schläft im offnem Fensterrahmen
Zwei Schuhe kreuzen eine Bodenschwelle
Im Treppenhaus negieren sich zwei Damen
Am Himmel scheint die letzte Sollbruchstelle
Der Schrank entblößt im Holz zwei alte Narben
Der Wasserhahn bricht tropfend eine Welle
Die weiße Tür trägt Sprenkel fremder Farben
Am Himmel weint die letzte Sollbruchstelle
Der Boden stöhnt, die Wolken sind beklommen
Der letzte Grund, er hat stark abgenommen
Im Dielenschlund welkt eine Immortelle
Der Himmel eint die letzte Sollbruchstelle
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Verspätete Improvisationen
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Das Morgenlicht
Straßen sind wie immer Irgendwie
An den Wänden Grau greißt ein Darum
Sterne kaspern aus, müdes Gevieh
Wege werden spät und manchmal krumm
Zeitung jagt Gebüsch, ein kranker Mond
Morgen ist Erinnerung, fast greiß
Über allem, silberäugig, thront
Das Morgenlicht – bedrohlich, leise, weiss
Filed in Allgemein
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